Erfahrungsbericht Facharbeit

(von Dieter Schürmans)

Im kommenden Schuljahr wird für Schülerinnen und Schüler der Jgst. 12 in NRW die Anfertigung einer Facharbeit verpflichtend (siehe Richtlinien Psychologie, S. 37/38). Im letzten Herbst habe ich im LK Psychologie versuchsweise Facharbeiten schreiben lassen; die damit verbundenen Erfahrungen möchte ich im folgenden wiedergeben.

Damalige Vorüberlegungen

Die meisten Kolleginnen und Kollegen stehen Facharbeiten positiv gegenüber. Man fürchtet jedoch die zusätzliche Arbeitsbelastung. Fragen im Zusammenhang mit der Facharbeit sind an vielen Schulen bislang ungeklärt:

Dürfen Schülerinnen und Schüler frei wählen, in welchem Fach sie die Arbeit schreiben wollen oder werden bestimmte Fächer durch die Schule festgelegt?

Gibt es eine Anbindung an (bestimmte) Leistungskurse?

Wieviele Facharbeiten sind einer Lehrerin/einem Lehrer zuzumuten? Wird für die Betreuung von Facharbeiten Entlastung gewährt?

Muss eine bestimmte Klausur(z.B. die zweite des ersten Halbjahres) durch die Facharbeit ersetzt werden?

Wird das notwendige Grundlagenwissen im Fach Deutsch oder in jedem betroffenen Fach vermittelt?

Mir war klar, dass in jedem Fall Psychologie zum Kreis der auserwählten Fächer gehören würde. So entstand bei mir die Idee, im Vorgriff auf die neue Regelung in meinem LK der Jgst. 12 Facharbeiten anfertigen zu lassen und diesbezügliche Erfahrungen Kolleginnen und Kollegen zur Entscheidungsfindung bei den zu klärenden Fragen mitzuteilen.

Auch die Schülerinnen und Schüler waren für diese Idee zu gewinnen, was allerdings auch mit einigen Besonderheiten zusammenhing, die so in Zukunft nicht gegeben sein werden.

Rahmenbedingungen

Die anzufertigenden Facharbeiten durften (alte Richtliniengültigkeit) keine Klausur ersetzen; so wählte ich den Zeitraum zwischen den Klausurphasen (25.10. - 1.12.99; ca. 5 Wochen), der zudem für die Schülerinnen und Schüler den Vorteil bot, dass in dieser Zeit ca. 10 Stunden des "normalen" Kursunterrichtes ausfielen (Päd. Tag, Fortbildung des Psychologielehrerverbandes). Die verbleibenden Stunden des Kursunterrichtes sollten ausschließlich zur Vorbereitung und Begleitung der Facharbeit genutzt werden. "Hausaufgabe" sollte dann das Erstellen der Facharbeit sein. Im Gegensatz zu den zukünftig geltenden Bestimmungen legte ich fest, dass die Facharbeiten von je zwei Schülern im Team erstellt werden sollten. Weitere formale Vorgaben bezogen sich auf den Umfang der Arbeit (6-8 DIN A 4-Seiten exklusive Inhalts- und Literaturverzeichnis), den Abgabetermin (1.12.99) sowie die 50% Berücksichtigung der Facharbeitsnote für die "sonstige Mitarbeit" des 2. Quartals. Bei der Notengebung sollten sowohl formale wie inhaltliche Kriterien berücksichtigt werden.

Anbindung an den Unterricht

Inhaltlicher Schwerpunkt des Kurshalbjahres 12.1 war Entwicklungspsychologie. In diesem Kontext fand ich es interessant (auch die Schülerinnen und Schüler) der Frage nachzugehen, inwiefern bedeutsame oder kritische Lebensereignisse die weitere Entwicklung beeinflussen. Nach der Behandlung verschiedener nomothetischer Methoden im Halbjahr 11.2 erschien es mir sinnvoll, auch eine idiographische Methode zu erproben. So einigten wir uns darauf, dass jedes Facharbeitsteam halbstandardisierte Interviews mit zwei bis drei Probanden, die ein "bedeutsames Lebensereignis" zu bewältigen hatten, durchführen sollte. Die Ergebnisse der Interviews sollten dann auf dem Hintergrund eines Erklärungsmodells von Sigrun-Heide Filipp interpretiert und in der Facharbeit dargestellt werden.

Verlauf und Ergebnisse

Die Gruppenbildung erfolgte sehr rasch. 7 Paare und zwei Dreiergruppen fanden sich auf Sympathiebasis (entsprechend der Sitzordnung im Kurs) zusammen. Die Themenwahl gestaltete sich schwieriger. Einerseits wollte man ein interessantes Thema wählen (möglichst nicht in Konkurrenz zu anderen Gruppen), andererseits bestand das Problem, geeignete Interviewpartner aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis zu finden. Schließlich wurden folgende "bedeutsamen Lebensereignisse" untersucht:

  • Immigration nach Deutschland (3mal); dieses Thema wurde ausnahmslos von Schülerinnen und Schülern gewählt, deren Eltern nach Deutschland eingewandert waren.
  • Tod eines nahen Familienangehörigen (2mal)
  • "Coming out" bei männlichen Homosexuellen (2mal)
  • Hochzeit/Eheschließung
  • Ehebruch/Trennung

Die ersten (Doppel-)stunden des Unterrichtsvorhabens wurden inhaltlich von mir bestimmt. Neben der Vermittlung formaler Aspekte (Anfertigung einer Gliederung, eines Inhalts- und Literaturverzeichnisses, eines Deckblattes, Zitation, Fußnoten) war die Planung des halbstandardisierten Interviews zentrales Thema. Danach habe ich im Kursunterricht den einzelnen Gruppen lediglich bei der Planung der Interviews bzw. der Konzeption der Arbeit Hilfestellung gegeben. Zum Teil habe ich Literatur zur Verfügung gestellt oder empfohlen.

Da mehrere Schülerinnen und Schüler kurz vor dem Abgabetermin unter sehr großem Zeitdruck standen, habe ich diesen kurzfristig um eine Woche verschoben (leider, ohne alle Gruppen informieren zu können). Den neuen Termin haben dann alle Gruppen mit einer Ausnahme eingehalten. Die mit einigen Tagen Verzögerung abgegebene Arbeit wurde aber ebenfalls von mir akzeptiert.

Der Umfang der Arbeiten war zumeist größer als von mir verlangt. Nur eine Arbeit bestand aus 6 Seiten, fast alle anderen umfassten über 10 (bis zu 17) Seiten . Der Korrekturaufwand lag bei 2 bis 4 Stunden pro Arbeit. Das Notenspektrum ging von 9 bis zu 15 Punkten. In den meisten Fällen war die Note "schlechterer" Facharbeiten durch formale Defizite bedingt. Insgesamt führte die Note der Facharbeit bei den Schülerinnen und Schülern zu einer besseren "sonstigen Mitarbeitsnote" als in früheren Quartalen.

Evaluation der Facharbeit durch die Schülerinnen und Schüler

(Folgende Ausführung beruhen auf der Auswertung von anonym ausgefüllten Plus- und Minuskarten nach Abgabe der Arbeit/vor der Benotung; n=20)

Vorbereitung: Die Vorbereitung der Facharbeit im Unterricht wurde überwiegend als zu oberflächlich angesehen (9mal). Vorinformationen seien zu ungenau gewesen, hätten zu sehr der Form und nicht dem Inhalt gegolten. Die konkrete Hilfestellung während des Unterrichts sei zu gering gewesen (1mal), das krankheitsbedingte Fehlen zur Zeit der Vorbereitungsphase hätte sich negativ auf die weitere Arbeit ausgewirkt (1mal). Positiv gewürdigt wurde das orientierende Schema zur Erfassung "kritischer Lebensereignisse" (1mal) sowie die von mir zur Verfügung gestellte Proseminararbeit.

(Nicht erwähnt wurde das gemeinsame Anfertigen einer Gliederung, die Vermittlung von Grundlagen zur Zitation und Anlage eines Literaturverzeichnisses, sowie die Behandlung der Zielsetzung und Möglichkeiten eines halbstandardisierten Interviews.)

Selbständiges Arbeiten: Diese wurde als besonders positiv herausgehoben (8mal). Die Nicht-Einmischung des Lehrers war eine wohltuende Unterrichtserfahrung. So wurde das Anfertigen der Facharbeit als abwechslungsreiche, alternative Unterrichtsform positiv benannt (3mal).

Thema: Auch bei der Themenwahl gefiel die eigenständige Auswahl (7mal). Explizit wurde das Thema (1mal) als interessant, (1mal) als im nachherein doch nicht so interessant bezeichnet

Interviews: Zu den Interviews gab es insgesamt die meisten Stellungnahmen. Sie wurden (10mal) als positiv bezeichnet. Einmal wurde auch die Auswertung der Interviews als gut hervorgehoben. Auf einer Karte wurde der vorgesehene Zeitrahmen von 30 Minuten als nicht ausreichend kritisiert. Zwei Nennungen betrachteten die Ergebnisse der Interviews als enttäuschend.

Arbeitsaufwand: Übereinstimmend (10mal) wurde der Zeitdruck bzw. -mangel kritisiert. Als ungerecht wurde dabei die kurzfristige Verschiebung des Abgabetermins um eine Woche angesprochen (1mal). Einige meinten, insgesamt sei der Arbeitsaufwand zu groß (3mal), der Anspruch der Arbeit zu hoch (1mal) gewesen. Als angenehm wurde die Möglichkeit zur individuellen Zeiteinteilung (2mal), sowie der Ausfall einiger Stunden des normalen Kursunterrichts (3mal) empfunden. Die Arbeit am Computer wurde eher als unnötige Belastung (4mal) gesehen; nur einmal wurde diese als positive Erfahrung benannt.

Teamarbeit: Hier ist die Meinung geteilt. Die Zusammenarbeit bzw. die Partnerwahl wurde genauso häufig (6mal) als Vorteil wie als Nachteil interpretiert.

Ergebnisse: Die Zufriedenheit mit dem Ergebnis ihrer Arbeit bekundeten vier Schülerinnen und Schüler, zweimal wurde das Ergebnis als enttäuschend bezeichnet. In diesem Zusammenhang wurde kritisiert, dass der theoretische Bezug bei der Interpretation der Interviews zu schwer herzustellen gewesen sei (5mal); auch fehlende Fachliteratur zu den einzelnen Themen (2mal) wurde als Defizit angemahnt.

Allgemeine Beurteilungen.: Die Facharbeit habe Spaß gemacht (3mal), es sei spannend gewesen (2mal). Die Motivation wurde als gut(1mal) und schlecht (2mal) bezeichnet. Eine Nennung betonte, dass die Konkurrenz zu anderen Gruppen zu groß gewesen sei.

Alltagsrelevanz: Hier gab es ausschließlich positive Beurteilungen. An erster Stelle(4mal) stand die Bedeutung für das Studium (Einblick in den Aufbau und die Methodik einer Facharbeit). Außerdem wurde der Praxisbezug gewürdigt (2mal). Positiv erwähnt wurden Erfahrungen, die nicht unmittelbar in die Facharbeit eingingen (2mal), sowie die Möglichkeit, in den Interviews etwas über andere Menschen zu erfahren (2mal).

Abschließende Überlegungen

Auch die Schülerevaluation zeigt meines Erachtens, dass das verpflichtende Verfassen einer Facharbeit in der Jgst. 12 ein sinnvoller Bestandteil der neuen Richtlinien ist. Im Anschluss an die Schülerevaluation ergaben sich allerdings von Schülerseite weitere Kritikpunkte, die bedacht werden sollten. In Hinblick auf die Benotung wurde kritisiert, dass Schülerinnen und Schüler mit eigenem Computer (Rechtschreibprogramme etc.) deutlich bevorzugt waren. Allgemein haben einige Schüler ohne große Schreibkenntnisse am Computer gerade in der Endphase der Arbeitserstellung ihre Motivation teilweise verloren.

Vor allem war für viele Schülerinnen und Schüler die meines Erachtens hinreichende Vorbereitung /(8 Stunden)und Betreuung (7 Stunden Kleingruppenbetreuung während des Kursunterrichts)der Arbeit nicht ausreichend. Für mich stellt sich nicht die Frage des Korrekturaufwands, sondern wie man als Lehrer unabhängig von seinem "normalen" Unterricht die Zeit aufbringen soll, mehreren Schülerinnen und Schülern in Einzelgesprächen die Grundlagen zur Anfertigung von Facharbeiten zu vermitteln.

Deshalb erscheint es mir angebracht, bei der Festlegung von Grundsätzen durch die Lehrerkonferenz die Wahlmöglichkeiten von Schülerinnen und Schülern zu beschränken, indem bestimmte (Leistungs-)Kurse festgelegt werden, in denen dann eine große Anzahl von Schülerinnen und Schülern Facharbeiten schreibt, so dass 5-10 Stunden des Kursunterrichts entsprechend genutzt werden können. Im Fach Deutsch könnte die äußere Form der Arbeit besprochen werden (was allerdings keine fachspezifische Einführung ersetzt). Dann allerdings in zeitlicher Nähe zur Anfertigung der Arbeit, etwa zu Beginn der Jgst. 12. Dies wiederum legt nahe, schulintern einen gemeinsamen Zeitraum für die Anfertigung der Arbeit sowie die zu ersetzende Klausur festzulegen.

Im Fach Psychologie erscheinen mir thematisch eigene Untersuchungen und Befragungen sinnvoller zu sein als nur theoretische Abhandlungen. Dies erhöht einerseits die fachmethodische Kompetenz, andererseits sind die damit verbundenen Erfahrungen für Schülerinnen und Schüler sehr "lebensnah" und tragen zur Motivation wesentlich bei.

Bevor im folgenden eine - sehr gute - Facharbeit von zwei Schülern dokumentiert wird, möchte ich abschließend die Schlusssätze einer anderen Facharbeit zitieren, die die "Lebensnähe" des durchgeführten Unterrichtsvorhabens exemplarisch aufzeigt.

"Aus unserer Facharbeit haben wir herausgefunden, dass die Eheschließung kein besonderes Lebensereignis ist. Wir haben uns vorgestellt, dass die Eheschließung so schön wie im Märchen ist. Durch die Ergebnisse sind unsere Träume wie Seifenblasen zerplatzt, aber andererseits hat die Facharbeit uns die Augen geöffnet und vor späteren Enttäuschungen bewahrt. Wir haben im Endeffekt festgestellt, dass sich nach der Eheschließung am Verhalten und den Gefühlen sich nichts verändert hat, sondern nur hinsichtlich der neuen Verantwortungen, die jetzt jeder zu tragen hat. Die Hochzeitsfeier ist das Besondere an der Eheschließung."

  


 

Facharbeit im Psychologie – Leistungskurs 12.1

Thema:

"Coming – Out" von männlichen Homosexuellen

als bedeutsames Lebensereignis

vorgelegt von:

Bastian Rudde

und

Johannes Gramlich

 

 

 

Gliederung

 

1. Einleitung

  1. Vorstellung des Themas Seite 1
  2. Eigene Hypothesen zum Thema "Coming – Out" Seite 1

2. Interview und Interviewpartner

  1. Lebenslauf der Interviewten Seite 3
  2. Dauer und Umstände des Interviews Seite 3

 

3. Interpretation

  1. Interpretation von Interviewpartner 1 Seite 5
  2. Interpretation von Interviewpartner 2 Seite 6
  3. Interpretation von Interviewpartner 3 Seite 7
  4. Vergleich der Interviewpartner Seite 8
  5. Bestätigung der Hypothesen Seite 9

 

4. Kritik

  1. Kritik an unserem Vorgehen Seite 10
  2. Kritik am Thema Seite 10

 

 

 

1. Einleitung

 

1.1 Vorstellung des Themas

Wir haben für unsere Facharbeit das Thema "Coming – Out" von männlichen Homosexuellen (im Folgenden als Schwule bezeichnet) gewählt.

Als wir uns Gedanken gemacht haben, welches Thema wir behandeln sollten, zogen wir zur Entscheidung eine Tabelle ( Krech / Crutchfield, Grundlagen der Psychologie ) hinzu, auf der zu diversen Lebensereignissen Lebensveränderungseinheiten (LVE) angegeben wurden. Dabei fiel uns auf, dass unter 42 genannten Ereignissen das Thema "Coming – Out" nicht auftauchte. Da jedoch zahlreiche Ereignisse genannt wurden, die uns wesentlich unwichtiger erschienen als das von uns für die Facharbeit ausgesuchte, haben wir uns deshalb entschieden, über das "Coming – Out" zu recherchieren und zu berichten, in der Hoffnung, dass es eines Tages auch in der Liste aufgeführt wird.

Ein weiterer Grund für diese Entscheidung war auch, dass wir Schwule in unserem Bekanntenkreis haben und dass sich dadurch die Möglichkeit für uns bot, viele verschiedene Informationen über das Thema zu erlangen. Besonders erwähnenswert ist dabei der 19-jährige Interviewpartner, der unserem engeren Freundeskreis angehört und sich gerade im Prozess des Outing befindet. Durch ihn ist uns klar geworden, dass es auch in unserem -scheinbar so aufgeschlossenen- Umfeld alles andere als leicht ist mit seiner Homosexualität umzugehen.

Des weiteren denken wir, dass in unserer Gesellschaft das Thema "schwul sein und Homosexualität" ein oft diskutiertes und stark kritisiertes ist. Wir selber sind politisch sehr interessiert und engagiert, deshalb war es für uns wichtig zu erfahren wie Schwule sich von ihrer Umwelt integriert und akzeptiert fühlen

 

1.2 Eigene Hypothesen zum Thema "Coming – Out"

Die Hypothesen, die wir im Unterricht erstellt haben, lauten,:

  • dass Schwule nach dem "Coming – Out" Freunde verloren haben.
  • dass sie in ihrer jeweilige Institution (Schule, Arbeitsplatz , ...) Probleme verschiedenster Arten auf Grund ihrer Homosexualität bekamen.
  • dass sie von den Verwandten für den möglichen Zusammenbruch der Familie verantwortlich gemacht wurden und deshalb Schuldgefühle bekamen.
  • dass sie nach ihrem "Coming – Out" erleichtert waren, weil sie sich ihrer Umwelt nun mit ihrer wahren Identität präsentieren konnten.
  • dass es sich auf ihre, eventuell schon vorhandene, Männerpartnerschaft positiv ausgewirkt hat und auch auf die Rolle, die der jeweilige Lebensgefährte dabei spielte.
  • dass sich viele homosexuelle Männer wegen des häufig negativen öffentlichen Bildes, welches von einigen Schwulen erzeugt wird ("Tunten & Transvestiten"), falsch dargestellt fühlen.
  • dass Männer, welche die Vermutung haben, schwul zu sein, ihre Homosexualität noch lange verdrängen, bis sie wirklich realisiert wird.
  • dass es als Homosexueller leichter ist, in einer Großstadt zu leben, als in einem Dorf.
  • dass man auf Grund von Homosexualität in einen starken Konflikt mit seinem Glauben ( Religion ) kommt.
  • dass sich Schwule zuerst vor ihren Freunden und dann vor ihren Eltern und Verwandten outen.

Aus diesen Hypothesen gingen unsere Fragen hervor, wobei wir uns auch während des Interviews durch Antworten zu neuen Fragen inspirieren ließen.

 

 

2. Interview und Interviewpartner

2.1 Lebenslauf der Interviewten

Interviewpartner 1 (I1) wurde im Mai 1953 ... geboren. Er besuchte eine Grundschule und schließlich ein Gymnasium, auf dem er mit 19 Jahren sein Abitur machte. Daraufhin ging er nach ... , um dort Medizin zu studieren. Nach fünf Jahren bestand er sein Staatsexamen, ging nun für ca. 1 ½ Jahre nach ... und wurde dann von der Universitätsklinik in ... angenommen. Dort absolvierte er eine Facharztausbildung. Nach Abschluss dieser Ausbildung leistete er seinen Wehrdienst in ... . ... Nach einigen Jahren entschied er, sich für ein Jahr nach Südostasien auf Reise zu begeben. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er kurze Zeit in einer Praxis in ... und machte in der gleichen Stadt drei Jahre lang eine weitere ärztliche Ausbildung in einem Krankenhaus. Seit zehn Jahren lebt er in Köln. I1 hatte sein "Coming – Out" mit 31 Jahren.

Interviewpartner 2 (I2) ist 51 Jahre alt. ...

Im Alter von sieben Jahren zog er mit seiner Familie nach ... Holland. Als er 17 Jahre alt war, ging er in die Schweiz. Heute ist I2 von Beruf Reisebegleiter. 1967 zog er nach Amsterdam. Seit geraumer Zeit lebt er gleichzeitig auch in Köln.

I2 outete sich mit 20 Jahren.

I1 und I2 leben seit längerem in einer Partnerschaft.

 

Interviewpartner 3 (I3) ist 19 Jahre alt. Er wurde in Köln geboren, wo er auch heute noch lebt. Seine Eltern sind schon seit seiner frühen Kindheit geschieden. Er wohnt bei seiner Mutter.

...

I3 hat sich bisher nur seinem engeren Freundeskreis geoutet.

 

2.2 Dauer und Umstände des Interviews

Da wir I1 und I2 ... beiläufig kannten und da wir wussten, dass sie homosexuell sind, fragten wir beide, ob sie für ein Interview bereit ständen. Beide willigten ein und äußerten zugleich großes Interesse an unserem Projekt.

Wir befragten I1 und I2 getrennt voneinander.

Die Interviews fanden in lockerer und entspannter Atmosphäre in ihrer gemeinsamen Wohnung in Köln statt.

Das Interview mit I1 dauerte 35 Minuten, und I2 stand uns etwa 30 Minuten Rede und Antwort.

Beide Gespräche zeichneten wir mit einem Mini – Disc – Player auf, den die Interviewten zwar mit etwas Unbehagen, aber ohne Ablehnung, akzeptierten.

I3 lebt noch im Hause seiner Mutter. Dort führten wir das Gespräch in Abwesenheit der Mutter durch. Auf seinen Wunsch hin zeichneten wir das 15-minütige Interview nicht auf.

Im Gegensatz zu den beiden Erstgenannten war I3 eher zurückhaltend und sehr nervös.

 

 

3. Interpretation

 

3.1 Interpretation von I1

Zu Beginn des Interviews erzählte uns I1 von seiner Heimat, dem Umfeld, in dem er aufwuchs und seiner beruflichen Karriere ( siehe Punkt 2.1 ). Aufgewachsen "in einer 6000 Seelengemeinde unter starken sozialen Zwängen" wählte I1 auch weiterhin seinen Wohnort so, dass er das Wochenende immer zu Hause verbringen konnte. Bedingt durch die sozialen Umstände in der Kleinstadt wurde er sich fernab von seiner Heimat erst mit 31 Jahren seiner Homosexualität vollständig bewusst, weshalb er sich selbst als "Spätberufenen" bezeichnete. Der Ausdruck "Spätberufener", den er sich selber gibt, ist ein Indiz dafür, dass er das "Homosexuellsein" als etwas positives ansieht, dass sich anderen Sexualformen überordnet (= "Berufener"). Aus seiner eigenen Erfahrung findet das Coming – Out allerdings in der Regel deutlich früher statt. Er bezeichnet das Jugendalter als Lebensabschnitt, in dem sich die meisten Homosexuellen outen.

Auf die Frage, wie lang er denn schon wusste, dass er schwul ist, bevor er sich outete, sagte er, dass er es retrospektiv gesehen eigentlich schon seit seinem 17. Lebensjahr ahnte ( "Es dämmerte mir" ). Die wirklich Realisierung seiner Homosexualität fand in Hongkong statt, wo "ich das erste Mal mit einem Mann gepennt habe". Dieser große geographische und zeitliche Abstand zu seinem Wohnort lässt den Schluss zu, dass die heimatlichen, ländlichen Gesellschaftsideale ein riesiges Verdrängungspotential bei einem hervorrufen. Diese Vermutung kam I1 sehr logisch vor. Des weiteren kann auch der ehemalige Sprecher des inzwischen aufgelösten Bundesverbandes Homosexualität (BVH), Jörg Rowohlt, ein extremes Stadt -.Land Gefälle in Sachen Toleranz und Umgang mit Schwulen feststellen (Anpassung ist keine Emanzipation, Psychologie Heute, Weinheim, Juli 1997).

Der schon am Anfang diese Jahrhunderts von Sigmund Freud erforscht Vorgang des Verdrängens fand folglich auch bei I1 statt:

Bereits einige Zeit vor seiner Reise nach Hongkong hegten nahezu alle seine Freunde den "Verdacht", dass er schwul sei. Diese Vermutungen tat er allerdings mit Aussagen, wie "Was reden die da" oder "Das kann doch gar nicht sein" ab. I1 war es wichtig zu verdeutlichen, dass er selbst auch unter diesen Vermutungen seiner Freunde sich selber als "einen ganz normalen, heterosexuellen Mann" ansah, wozu auch mehrere Beziehungen zum weiblichen Geschlecht gehörten, "bis es nicht mehr ging". Diese heterosexuellen Partnerschaften bedeuteten für ihn aber nie eine richtige Erfüllung.

Die Verfasser erlauben es sich hier, mit deutlicher Zustimmung auf Freuds Verdrängungstheorie (Instanzenmodell, Psychoanalyse) hinzuweisen. I1 hat alle seine homosexuellen Neigungen, welche er heute im Rückblick auf sein Leben immer wieder feststellt (z.B.: als zehnjähriger Bub fühlte er sich in der Volksschule jahrelang zu einem älteren Schüler hingezogen und lief ihm hinterher), komplett verdrängt, bis er an einen Ort kam, wo er ohne jegliche soziale Zwänge und Kontrollen seine Homosexualität endlich begriff und erlebte. Dieser Schritt, den er für sich selber als eigentliches Coming – Out ansieht, machte ihn "zum glücklichsten Mann auf Erden". Er verspürte große Erleichterung und überhaupt kein Gefühl, wie "Scheiße, ich bin schwul".

Kurz nach dieser ersten sexuellen Erfahrung mit Männern lernte I1 noch auf der gleichen Reise seinen heutigen Lebenspartner ( I2 ) kennen. Sie leben seit 15 Jahren zusammen. Auch wenn hier die Validität nicht sehr hoch ist, lässt sich das Vorurteil, Schwule seien weniger bindungsfähig in Bezug auf Partnerschaften, widerlegen.

Diese Meinung teilt auch Jörg Rowohlt ( Keine Überhöhung des Schwulseins, Psychologie Heute, Weinheim, Januar 1995).

Als ersten weihte er einen homosexuellen Freund ein, bevor er sich einer guten Freundin mitteilte. Er wählte bewusst als erste Vertrauensperson einen homosexuellen Freund, weil er sich sicher war, dass er dort keine Ablehnung erfahren würde. In Zukunft machte er auch im heterosexuellen Freundeskreis nur positive Erfahrungen. Sein Partner und er wurden akzeptiert und nie abgelehnt. Seine Erfahrungen im Elternhaus waren jedoch anderer Natur. Obwohl seine Mutter wohl schon länger ahnte, dass er schwul sei, erzählte er es seinen Eltern, trotz Gewissenskonflikten, nie. Jene Konflikte "lösten" sich durch den Tod der Mutter. Sein stets konservativ eingestellter Vater war zu dem Zeitpunkt psychisch ein Pflegefall, so dass es für I1 nie Thema war, seinen Vater von seiner Homosexualität zu unterrichten.

Mit dem Umzug in eine Großstadt ( Köln ) ging er auch in seiner Arbeitswelt offensiv mit seiner Homosexualität um, wodurch erneut das Stadt – Land Gefälle bestätigt wird. Er betonte immer wieder, dass er auch in der Arbeits- und Umwelt nie mit schwulenfeindlichen Pöbeleien konfrontiert wurde. I1 bezeichnet als Ursprung immer wieder laut werdender Kritik an Schwulen und ihrem Benehmen die "Lack- und Ledertypen und das ewige, aufsehenerregende "Tuntengehabe", wodurch ein falsches und einseitiges Bild von Schwulen in der Öffentlichkeit entstehe.

Bei I1 fiel uns auf, dass er immer wieder übertrieben betonte, dass er nie Probleme mit Mitmenschen auf Grund seiner Homosexualität hatte, was darauf schließen lässt, dass wir eindeutig zur Kenntnis nehmen sollen, dass Schwule ein normales Leben führen können, oder dass es Erlebnisse gab, die er durch die übertriebene Betonung verdrängen will.

Insgesamt, denken wir, dass I1 das bedeutsame Lebensereignis des Coming – Out sehr selbstbewusst und lebensfroh gemeistert hat. Er machte einen rundum zufriedenen Eindruck mit sich und der Welt.

 

 

3.2 Interpretation von I2

I2 hat bis zu seinem Umzug nach Köln nur in Kleinstädten gelebt ( Punkt 2.2 ). Mit 20 Jahren ( relativ spät ) wurde für ihn endgültig klar, nachdem er einige Phasen des "Herantastens" durchlaufen hat, dass er schwul ist. Die Kleinstädte, in denen I2 lebte, mit den Idealen des braven, heterosexuelle Familienvaters, haben einiges dazu beigetragen, dass der Zeitpunkt des endgültigen Begreifens eher spät war. Der Abwehrmechanismus Verdrängung ( nach Sigmund Freud ) hat offensichtlich bei I2 gewirkt. Das gesellschaftliche Idealbild "verbat" I2 eine frühe offene Erkennung der eigenen Homosexualität. Mit 14 Jahren hatte I2 zwar schon erste "Spielchen" mit einem anderen Jugendlichen, die unter einem Tisch, während einer Fernsehsendung, stattfanden. Die Tatsache, dass diese "Spielchen" unter dem Tisch stattfanden, legt die Vermutung nah, dass eben dieser Tisch eine Art "Schutz" für beide war. Wahrscheinlich fühlten sie sich dort geborgen und von ihrer Umwelt "abgesichert". Diese ersten "Spielchen" waren für I2 allerdings kein Indiz für eine mögliche Homosexualität. Nachdem er zwischendurch die ein oder andere Beziehung mit einem Mädchen hatte (die ihn nie "erfüllt" hat ), hatte er mit 17 Jahren erneut sexuellen Kontakt mit einem Mann. Diesmal allerdings schon intensiver. Aber auch das ließ I2 nicht an seiner Heterosexualität zweifeln. Vielleicht weil er sich und seinen Mitmenschen gerade das beweisen wollte, verlobte er sich zwei Monate später mit einer jungen Dame. Weil seine Verlobte sehr christliche Eltern hatte, wurde es ihm untersagt, mit ihr in einem Bett zu schlafen, was eines Tages dazu führte, dass er mit ihrem Bruder in einem Bett schlafen musste. I2 fühlte sich zu dem Bruder zwar hingezogen, zu einem sexuellen Kontakt kam es jedoch nicht. Wenig später brach die Beziehung zu diesem Mädchen; doch nicht, weil I2 sich seiner wahren Gefühle bewusst wurde. Erneut bewies er allen, dass er heterosexuell ist, indem er sich erneut verlobte und seine Freundin ein Kind von ihm erwartete. "Es kann nicht sein, dass ich schwul bin." Der entscheidene Wink mit dem Zaunpfahl kam dann, als I2 19 Jahre alt war. Ein junger Mann, mit dem er sexuellen Kontakt hatte, schrieb einfach einen Brief an I2‘s Eltern, in dem er ihnen eröffnete, dass ihr Sohn schwul ist. Der Vater hatte einige Probleme mit der Tatsache. Seine Mutter versuchte sich schützend zwischen I2 und seinen Vater zu stellen, wobei auch ihr die Tatsache, dass der Sohn schwul ist, nicht behagte. Sie ahnte allerdings schon, während I2 noch verlobt war, dass er schwul ist. I2 wendete sich so von seinem Vater ab, der nach einem halben Jahr verlauten ließ: " Ich hab’s akzeptiert!". "Ob das wirklich stimmt weiß ich nicht, er hat es auf jeden Fall gesagt." Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war deutlich gespannt.

Nach diesem Brief, als es nun raus war, schien die Angst vor der eigenen Homosexualität zu schwinden. Er brauchte sie jetzt ja auch nicht mehr unbedingt zu verdrängen, weil die Leute, die ihm am nächsten standen, schon alles über Dritte erfahren hatten. Auch der Umzug nach Amsterdam half ihm dabei, weil er dort sehr tolerant behandelt wurde und viele Gleichgesinnte traf, was aber auch zur Folge hatte, dass er in einer Art "homosexuellen Welt" lebte, ehe er langsam auch mehr Kontakt zu Heterosexuellen bekam.

I2 wirkte sehr glücklich und zufrieden. Heute geht er sehr locker und offen mit seiner Homosexualität um, steht dazu und ist sogar froh darüber.

 

3.3 Interpretation von I3

Falls die Situation von I3 aus Punkt 2.1 noch nicht verständlich geworden ist, erläutern wir sie noch einmal: Er hat sich bis jetzt nur vor seinen Freunden geoutet. Seine Eltern sind noch nicht eingeweiht. Sie sind seit 15 Jahren geschieden. I3 lebt seit dieser Zeit bei seiner Mutter. Sein Vater ist nach München gezogen. Es besteht jedoch noch Kontakt zwischen I3 und seinem Vater, wenn auch nur oberflächlich. "Auch wenn sie noch nichts ahnt, geschweige denn weiß", hat I3 "ein total gutes Verhältnis" zu seiner Mutter. Auch an seinem Beispiel zeigt sich, entgegen der Vorurteile, dass Schwule genauso bindungsfähig sind wie heterosexuelle Menschen. I3 hat bisher eine einzige lange Beziehung zu einer Frau geführt, steht dieser Zeit mit "Traurigkeit" gegenüber, da er "diese Zeit nicht genießen konnte, weil ich im Grunde schon wusste, was los ist".

Erste homosexuelle Neigungen traten bei ihm merklich mit 13 Jahren auf. Dort begann er, erste homosexuelle Gefühle im Schwimmunterricht zu verspüren. Vollkommenes Bewusstsein erlangte I3 vor ca. 2 Jahren, als er alleine eine Schwulen- und Transvestitenbar besuchte. Als einen Anreiz für diesen Besuch bezeichnete er, dass "dieses Metier mit dem ganzen Glamour mein eigenes Ich widerspiegelt". Er bezeichnet diese Gruppe als jene, wo er sich "wirklich wohl fühlt".

Soweit wir I3 kennen, ist er eher schüchtern und geht kaum aus sich heraus.

Was den sexuellen Kontakt zu Männern angeht, so hat I3 erst eine Erfahrung gesammelt. "So wie Heteros sich kennenlernen", so lernte er vor einem Jahr an einer der besagten Bars einen 29- jährigen Mann kennen, mit dem er, wenn auch nur ein einziges Mal, ein sexuelles Erlebnis hatte. Kontakt besteht jedoch heute noch. Als Identifikationsfigur möchte I3 jenen "selbstbewussten" Mann nicht beschreiben, jedoch "hat er mir sehr geholfen", sich auf den Weg zu begeben, auf dem er sich heute befindet. Diesen Weg beschreibt er als einen Weg, in dem er versuchen will, "ehrlich zu sein und Leute damit zu konfrontieren". Dieser kleine Schuss an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein war für I3 auch dringend notwendig. Er wurde nämlich einige Monate zuvor bereits gewalttätig attackiert. Mitschüler hegten den Verdacht, dass er schwul sei, und dann wurde er mit den Worten "Scheiß Schwuli, du Schleimer" auf der Schultoilette verprügelt. Da er auf dem besten Weg war, die mittlere Reife mit einem sehr guten Durchschnitt zu erhalten, vermuten wir, dass diese Täter, von denen I3 sagt, dass "sie nicht unbedingt die Cleversten waren", ihren Frust, der möglicherweise durch schlechte Noten usw. entstand, per Gewalt abbauen wollten. Unsere Vermutung basiert auf einer Studie ( Jugendgewalt gegen Schwule), nach der drei Tätertypen, von denen jeder einmal gewalttätig gegen Schwule war, unterschieden werden. Einer dieser Typen ist jener, der durch Gewalt gegen Schwule Frust, produziert durch eigene Schwächen, abbauen will.

Erste, wenn auch nur indirekt positive Erfahrungen mit dem Coming - Out, machte er bereits an seinem Arbeitsplatz, wo er bereits "ganz kleine Andeutungen gemacht" hat. Als wir I3 mit der Aussage Jörg Rowohlts konfrontierten, die besagt, dass Schwule kaum noch offen ausgegrenzt und unterdrückt würden ( "Anpassung ist keine Emanzipation", Psychologie Heute, Juli 1997 ) , reagierte I3 wütend.

"So ist es eben nicht", denn schon bei den einigen wenigen Leuten, die mit seiner Homosexualität konfrontiert wurden, habe er negative Erfahrungen machen müssen.

Wie wollen an dieser Stelle noch einmal auf das Verhältnis zur Mutter hinweisen. Man mag sich wundern, wie wir es auch taten, warum I3 seine Mutter, auf Grund des guten Verhältnisses, nicht zuerst aufklärte, jedoch hat dieses mehrere Gründe. Zum einen ist seine Mutter, "wie sie es immer sagt, total stolz auf mich", und er habe Angst, sie sehr zu enttäuschen. Zum anderen habe seine Mutter wegen diverser persönlicher Dinge, "ihr Leben gerade erst wieder einigermaßen in den Griff gekriegt. Für uns lässt sich in seinem Fall eine starke Verbindung zu Freuds Theorien knüpfen. Man muss sich nur die frühe Trennung der Eltern vor Augen führen, um sich zu erklären, dass ihm der Vater als Identifikationsfigur und als Wettkampfgegner im Kampf um die Mutter fehlte. Eben dieses Fehlen des Vaters wirkt sich, wie bei ihm, auf die spätere sexuelle

Orientierung von Jungen aus. Auch er sprach öfters von seinen Gedanken als unbewusste, was auch hier auf einen starken Verdrängungsprozess im Sinne Sigmund Freuds hinweist. I3 scheint noch große Probleme bewältigen zu müsse, ehe er offen zu jedem über seine Homosexualität sprechen kann und sie wirklich "erlebt". Er machte einen unsicheren und unzufriedenen Eindruck

 

 

3.4 Vergleich der drei Interviewpartner

Die wichtigste Erkenntnis aus den Interviews ist die, dass bei allen drei Homosexuellen der Abwehrmechanismus Verdrängung, der von Sigmund Freud erforscht wurde, auftrat. I3 schloss diesen Prozess wesentlich früher als I1 ab. Nicht ganz so groß ist der Abstand zu I2, der allerdings auch erst ein paar Jahre nach I3 diesen Prozess abschließen konnte.

Sicherlich war auch das Elternhaus bei allen sehr verschieden. Nach den Aussagen zu urteilen, hatte z.B. I3 eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter. Dies war bei I1 und I2 nicht der Fall. Die Angst, seine Mutter ( I3 hat sich noch nicht vor seiner Mutter geoutet ) enttäuschen zu können, lässt jedoch Zweifel an der angeblich so guten Beziehung aufkommen. Bei I1 und I2 merkte man deutlich, dass sie viel erfahrener sind im Umgang mit ihrer Homosexualität als I3, der sehr nervös und verschlossen wirkte. Im Gegensatz zu I3, den das von der Öffentlichkeit so kritisierte Benehmen von (überdrehten) Transsexuellen anzieht und ihm Sicherheit gibt, bevorzugen sie aber das eher "normale" Leben als Schwule. Die Verwunderung, dass gerade der zurückhaltene I3 auf der "Glamourwelt" der Homosexuellen steht, wich der Erkenntnis, dass er in diesem Milieu mit Gleichgesinnten, ohne Angst vor Pöbeleien, vielleicht endlich richtig aufblühen und leben kann. Eventuell lässt sich von ihm und seinem Verhalten aus auf einen Teil der schwulen Gesellschaft schließen, denen es möglicherweise ähnlich ergeht.

I3 hat es so schwer mit dem endgültigen Coming – Out, weil er schon schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, obwohl die nur einen "Verdacht" hatten, er könne schwul sein ( siehe Punkt 3.3 ). So scheint die Jugend von heute, unter der Homosexualität oft ein verpöntes Thema ist, doch nicht so tolerant zu sein, wie sie immer dargestellt wird, was ein Coming – Out eines Gleichaltrigen erschwert.

Zusätzlich ist I3 nicht, wie I1 und I2, auf dem Lande aufgewachsen, sondern in einer Großstadt. Hier lässt sich feststellen,, dass der Stadtmensch seine Homosexualität zwar früher begreift, aber dennoch treten auch hier Probleme mit der Gesellschaft auf.

I3 wird, bis er an dem gleichen Punkt angelangt ist wie I1 und I2, die ein zufriedenes Leben führen, noch einige Probleme bewältigen müssen und eventuell auch noch die ein oder andere schlechte Erfahrung machen.

 

3.5 Bestätigung der Hypothesen

Es haben sich ungefähr genauso viele Hypothesen bestätigt wie nicht bestätigt.

Da wäre die Hypothese, dass Schwule nach dem Coming – Out Freunde verlieren genauso falsch, wie jene, sie würden Probleme am Arbeitsplatz bekommen. Die Freundschaften festigen sich eher und werden intensiver und ehrlicher, weil sich andere Freunde ein Beispiel an ihnen nehmen und probieren auch mit ihren "geheimen" Gefühlen und Problemen offener umzugehen. Auch am Arbeitsplatz wurde bei I1 und I2 mehr Wert auf das Fachwissen und auf das Menschliche gelegt als auf die Sexualität.

In der Schule jedoch traten unsere Befürchtungen ein. Es herrscht Aggression und Ablehnung gegenüber Schwulen, wie das Beispiel von I3 verdeutlicht.

Verschiedene Situationen traten bei I1, I2 und I3 in der Familie auf, worin wir unsere Hypothese bestätigt sehen, dass es nach dem Coming - Out zu familiären Problemen kommen kann. Betrachtet man I2, so sieht man, dass ein Coming – Out durchaus zum Zerbrechen der Eltern – Kind Beziehung kommen kann.

Eine Erleichterung war bei I1 und I2 nach dem Outing deutlich vorhanden, und auch I3, so schätzen wir, wird danach sehr erleichtert sein.

Dass das "Gehabe" von "Tunten und Transvestiten" dem Ansehen der Schwulen in der Gesellschaft den Stempel aufdrückt, wurde von I1 und I2 wortkräftig unterstützt.

Ganz deutlich bei allen drei Interviewten wurde, wie vermutet, dass ein gewaltiger Verdrängungsprozess dem eigentlichen Coming – Out vorhergeht.

Auch ein Stadt – Land Gefälle bewahrheitete sich. I1 und I2 machten große Unterschiede zwischen dem "homosexuellen" Leben auf dem Land und der Stadt, wobei das Leben in der Großstadt als wesentlich lockerer und angenehmer angesehen wurde. Allerdings darf man nicht außer acht lassen, dass auch in der Großstadt Vorurteile und Probleme auftreten ( siehe I3 ).

Die Auswirkungen des Coming – Outs auf eine schon vorhandene Männerpartnerschaft oder auf eine eventuelle Glaubensrichtung konnten wir anhand unserer Beispiele nicht untersuchen.

 

4. Kritik

 

4.1 Kritik an unserem Vorgehen

Wir haben zum ersten Mal selbstständig ein Projekt von diesem Umfang durchgeführt, was natürlich zu einigen Fehlern bei der Durchführung des Projekts geführt hat.

Die Interviews, die wir sehr früh nach Bekanntgabe des Projekts schon gemacht haben, waren im Nachhinein nicht gründlich genug durchgeführt. In erster Linie, was die Kindheit und die Herkunftsfamilien von I1 und I2 betrifft. Auch zur Religiosität befragten wir unsere Interviewpartner nicht, weshalb die zugehörige Hypothese leider auch nicht überprüft werden konnte. Gut an unserer Vorgehensweise beim Interview fanden wir, dass wir uns nicht klare Fragen aufgeschrieben haben, um diese dann runterzurattern, sondern nur die verschiedenen Themen, zu denen wir Fragen stellen wollten, aufgeschrieben haben. So waren wir flexibel und konnten immer auf den jeweiligen Interviewpartner eingehen. Sehr hilfreich war auch, dass wir von den Interviews mit I1 und I2 Tonbandaufnahmen gemacht haben. So konnten wir auch im Nachhinein noch problemlos feststellen, was einem beim einmaligen Hören der Antworten vielleicht entgeht. Zum Beispiel, wann sich die Interviewpartner vor einer Frage drücken oder sie nur zögernd und unsicher beantworten.

Auch hatten wir etwas Probleme mit der Struktur. So hat sich die Gliederung dieser Arbeit auch deutlich verändert, gegenüber der Struktur, die wir anfangs dem Psychologie - Kurs auf dem Overhead Projektor präsentierten. Die häufigen Veränderungen in der Anordnung unserer Gesichtspunkte -vor allem nach der Durchführung der Interviews- haben sicherlich auch dazu beigetragen, dass einige Punkte nicht spezifisch genug bearbeitet wurden. Mit der Gliederung wie sie nun steht, sind wir aber dennoch ganz zufrieden.

Ein weiteres Problem war, dass wir uns nicht ausschließlich dem Coming – Out widmen konnten, weil die drei Interviews und die wenigen Quellen, die wir zur Verfügung hatten, nicht ausreichten. Daher entschlossen wir uns, auch über das mit dem Outing verbundene homosexuelle Leben ( in Deutschland ) und die Probleme, die es mit sich bringt, zu schreiben.

 

4.2 Kritik am Thema

Abschließend können wir für uns selber sagen, dass wir einiges dazu gelernt haben im Bezug auf Homosexualität.

Das schon so oft erwähnte öffentliche Bild kann von uns insgesamt nicht bestätigt werden. Auch das Vorurteil, man erkenne Schwule an ihrer Stimme, ihrem Aussehen oder ihrer Wohnungseinrichtung usw. möchten wir zurückweisen. So sind zum Beispiel I1 und I2 gut gekleidete Männer, deren Wohnung beim Betreten auch gut und gerne die eines heterosexuellen Paares hätte sein können.

Jedoch sind wir auch der Meinung, dass zu jeder Lebensform ein gewisses öffentliches Bild existiert, weil es in jeder Form, ob schwul oder hetero, immer Personen gibt, die dieses Bild bewusst erzeugen. Bei Homosexuellen wird es wahrscheinlich eher kritisiert, weil es noch nicht "normal" ist. Der Weg zum "Normalen" wird voraussichtlich erst nach einigen neuen Generationen geebnet sein.

Um auf das eigentliche Thema Coming – Out noch mal zu sprechen zu kommen, so finden wir, dass man es auf viele andere Situationen im homosexuellen wie im heterosexuellen Leben projezieren kann. Oft stecken wir in Situationen, in denen wir weder ein noch aus wissen, in denen wir unsere Gefühle oder Träume unterdrücken, um gesellschaftliche Ideale zu erfüllen. Um ein Beispiel zu geben, so könnte man das Coming – Out mit der Arbeitswelt vergleichen, in die viele einfach hineingepresst werden, obwohl ihr Interesse ganz woanders liegt. Es gibt viele Umstände im Leben, bei denen es gilt, bewusst zwischen Es und Über – Ich bzw. zwischen Wünschen und Anliegen sowie den geltenden Sozialregeln abzuwägen.

Betrachtet man dieses Thema von der politischen Seite, so vertreten wir eindeutig den "grünen" Standpunkt und hoffen, dass es bald auch homosexuellen Paaren möglich sein wird, zu heiraten und Kinder zu adoptieren. Weil sich immer mehr Menschen, auch Prominente, zur Homosexualität bekennen, wird ihnen dies auch in der Politik zu gute kommen, da nun auch politische Entscheidungen in ihrem Sinne getroffen werden müssen, und sie eine unverzichtbare, potentielle Wählerschaft für die verschiedenen Parteien darstellen werden.

Um einen Blick auf unsere jugendliche Generation zu werfen, so muss man sagen, dass das Verständnis für Homosexualität noch wenig entwickelt ist. "Schwul" wird von vielen als Schimpfwort benutzt und wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass uns bei Erzählungen über unsere Facharbeit diese oder ähnlich erstaunte Fragen gestellt wurden:

"Und, wie war das bei denen zu Hause, bestimmt anders, oder !?"