Der Spiegel, 4.9.2000

Dass auch für 5-Klässler Psychologieunterricht sinnvoll sein kann, zeigt der folgende Presseausschnitt über die erste deutsche Hochbegabtenschule aus dem Spiegel:

Kaderschmiede für Genies

Im westfälischen Geseke werden erstmals Kinder in einer privaten Lehranstalt fürs Leben getrimmt.

Aufnahmebedingung: ein IQ von mindestens 130.

Nachmittags um halb vier steht Randale auf dem Stundenplan. Elf Jungen und zwei Mädchen schleudern Kissen durchs Schulzimmer. Kreischen. Kippen das braun-rot gestreifte Sofa um.

Szenen aus dem Alltag einer Sonderschule der speziellen Art: Im nordrhein-westfälischen Geseke hat diesen August das bundesweit erste Gymnasium ausschließlich für Hochbegabte die Arbeit aufgenommen. Die bislang 13 Schüler, die auf den ersten Blick kaum gängigen Streberklischees entsprechen, haben eines gemeinsam: Ihr Intelligenzquotient beträgt mindestens 130 - ein Wert, den nur rund zwei Prozent eines Jahrgangs erreichen.

Zwischen Ziegenweiden und frühbarocken Schlossmauern sollen die Schnelldenker in der Kaderschmiede mit Internat das finden, was ihnen das öffentliche Schulsystem nicht immer bieten kann - optimale Förderung.

Berns Kirchner, 73, promovierte Philologin und Initiatorin der Privatschule mit dem anspruchsvollen Namen "Talenta", versteht darunter nicht nur kleine Klassen, zwei Fremdsprachen ab Klasse fünf, 34 Wochenstunden Unterricht, frühzeitige Kontakte zur Universität sowie psychologische und heilpädagogische Betreuung. Mit viel Gruppenarbeit, Sport, Malen und Töpfern sollen auch Kreativität und Sozialverhalten der Kinder trainiert werden, denn daran mangelt es manchen.

Dass das neue Internat nicht für alle Hochbegabten die richtige Wahl ist, gibt Kirchner zu - auch wenn das Geständnis geschäftsschädigend ist: "Jedes hoch begabte Kind, das in Schule und Elternhaus gut zurechtkommt, sollte in seiner gewohnten Umgebung bleiben."

Die meisten Talenta-Schüler zählen zu einer Gruppe, die Pädagogen "schwierige Hochbegabte" oder "Minderleister" nennen: Kinder, die eine Odyssee durch viele Schulklassen und Beratungsstellen hinter sich haben, die als hyperaktiv oder aufmüpfig gelten, die oft trotz ihrer Begabung nur mäßige Schulleistungen bringen.

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In der neuen Anstalt kümmern sich derzeit 8 Lehrer um 13 Zöglinge. Deren Elan können die Pädagogen kaum bremsen. Die Kinder interessieren sich nicht nur für Kauri-Muscheln und Wellhornschnecken, die sie in der Biologiestunde auf Anhieb identifizieren. Nach Englisch, Latein und Erdkunde wollen sie vor einem mehrstündigen Geländespiel mit Quizfragen auch noch unbedingt die Senioren im benachbarten Altenheim besuchen.

Schulleiter Rainer Bäuerlein, 57, möchte den Kontakt zwischen den Alten und den Kindern durch feste Patenschaften vertiefen. Der Anfang ist gemacht: Nachdem der Wissensdurst ("Wie, bitte, funktioniert Ihr mechanisches Bett?") fürs Erste gestillt ist, bemalen die Schüler gemeinsam mit grauhaarigen Damen Seidentücher. Danach ist Toben im Klassenzimmer angesagt.

Klassenlehrer Ulrich Schulte-Mattler, 35, fühlt sich manchmal wie ein "Löwenbändiger". Die meisten seiner Zöglinge, sagt der Psychologie- und Sportlehrer, brauchten als Ausgleich fürs fixe Denken extrem viel Bewegung.

Doch selbst der Sportunterricht wird für den Pädagogen manches Mal zum Denksport. So wollen Niklas und seine Mitschüler im Schwimmbad nicht nur Kraulen und Tauchen üben, sondern vor allem wissen, "wie unter Wasser der Druckausgleich im Körper funktioniert".